Pfarrei St. Laurentius
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Großkrotzenburg

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Pfarrei St. Laurentius Großkrotzenburg
Pfarrei St. Laurentius Großkrotzenburg

Liebesschlösser

 

Ein gemeinsames Vorwort vor einer kirchlichen Neugründung.

Von Pfarrer Manuel Stickel

 

Wer über die Auheimer Brücke geht, dem fallen vielleicht hier und da Schlösser auf, die am dortigen Zaun aufgehängt wurden. Für den Zaun selbst haben sie keine Bedeutung, sind eher eine zusätzliche Belastung für ihn und die alte, baufällige Brücke. Doch für die Menschen, die sie dort aufgehangen haben, sind sie von großer Bedeutung, denn sie stehen für ihre Liebe. Mal sind es die Namen, mal die Initialen, mal ein Datum. Stille Zeugnisse von Ereignissen, die Menschenleben nachhaltig verändert haben. Gemeinsam werden die Schlösser aufgehängt, die Schlüssel weggeworfen als Zeichen dafür, dass diese Liebe ewig ist. Die Anzahl der Liebesschlösser ist bei uns noch überschaubar. In Köln wurde vor zwei Jahren beraten, ob sie von der Hohenzollernbrücke entfernt werden müssten, um diese vor Rost oder gar dem Zusammenbruch zu schützen. Doch sie blieben hängen und wurden mehr. Manchmal habe ich mich gefragt, was wohl mit einem Schloss passiert, wenn eine Beziehung doch wieder auseinander geht. Verliert es seine Bedeutung? Steht es am Ende gar für das Scheitern und die Endlichkeit der Liebe? Wie viele dieser Schlösser gaukeln dem ahnungslosen Betrachter etwas vor, ohne wirklich dafür zu stehen. Solche Schlösser, die den Schein wahren oder gar versuchen festzuhalten, was zerbrochen ist, solche Schlösser braucht es nicht. Sie gehören abgenommen! Oder könnte es am Ende doch sein, dass gerade diese Schlösser trotz allem, was passiert ist – den Enttäuschungen, dem Unverständnis, der Wut, der Trauer – für eine Liebe stehen, die nicht nur damals die Kraft hatte, Leben zu bereichern und zu verändern? Liebe, die sich nicht selbst genug ist, sondern aufgeschlossen ist für neue Begegnungen, neue Freunde, neue Familienmitglieder? Liebe, die Freude daran hat, gemeinsam Wege auszuloten und zu gehen. Liebe, die sich Freiräume lässt, ohne den anderen auszuschließen.

 

Mit dem neuen Jahr werden sich fünf Pfarreien in unserer Region zu einer Pfarrei zusammenschließen. Schon länger haben wir uns auf den Weg gemacht, immer wieder Ziele angeschaut, bewertet und zum Teil neu gesetzt. Manchmal habe ich gedacht: eine Liebesheirat wird das nicht. Auch wenn wir selbst den Prozess angestrebt haben und versucht haben, den Weg nach unseren Vorstellungen festzulegen, sind da doch viele äußere Umstände, die wir mit uns herumgetragen haben: angefangen bei den schwindenden Mitgliederzahlen bis zu deren Früchten im Bereich Gemeindeleitung und Finanzen. Die Vernunft rät zum Zusammenschluss. Was aber sagt das Herz? Schaut es ängstlich pochend auf das, was möglicherweise nicht mehr sein wird? Hämmert es anklagend vor Wut? Beginnt es gleichgültig zu erkalten?

 

In einem bekannten Adventslied heißt es: „O Heiland reiß die Himmel auf“ und weiter „Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“ Es ist der Ruf von Menschen, die sich sehnen nach Befreiung. Ein Ruf nach Liebe, die Isolation und Einsamkeit überwindet. Ein Ruf, der auch dem Schloss eine neue Bedeutung gibt: Fortan steht es nicht mehr für das Bewahren und Verschließen, sondern für die Liebe, die es überwindet und zur Verbindungsstelle macht.

 

Am 1.1.2021 wird die Brücke eröffnet, die unsere Pfarreien und Kirchorte miteinander verbindet. Jeder Kirchort hat einen Teil dazu beigetragen. Auch die Schlösser, die für die vielen Momente erlebter Gottes- und Nächstenliebe stehen, gehen mit ein in diesen Bau. Wäre es nicht eine Bereicherung, einander davon zu erzählen und so die Kraft dieser Liebe wieder aufflammen zu lassen? Wäre es nicht toll, wenn dort neue Schlösser ihren Platz fänden, die erzählen von neuen Begegnungen, die mich berührt haben? Vom Glauben, der mich trägt? Und wer weiß: Vielleicht wird so schon bald aus der Brücke, die einst aus Vernunft begonnen wurde, eine Liebesbrücke werden. Eine Liebesbrücke durch die vielen alten und neuen Liebesschlösser, die hier ihren Platz finden. Eine Liebesbrücke, die nicht nur strukturelle Einheiten schafft, sondern Glaubende und Suchende miteinander und mit Gott verbindet.

 

Es grüßen Sie herzlich

 

Ihre Pfarrer Dirk Krenzer, Patrick Prähler, Christian Sack, Manuel Stickel, Andreas Weber

Mach es wie Gott – werde Mensch

 

Sind wir selbst Götter geworden?

 

Eigentlich wirkt es wie ein locker­flockiger Spruch, den wir da als Titelthema dieser Ausgabe ausgewählt haben. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, wie viel dahinter steckt. Im Grunde genommen ist das, was hier gesagt wird, sehr wenig zeitgemäß und wirkt geradezu weltfremd. Als Erfolgsrezept unserer Zeit wird uns doch etwas ganz anderes verkauft. Da wird uns oft, wenn auch ganz unterschwellig, die Devise nahegebracht: Mach es wie Gott - werde so wie er.

Oder noch schärfer: Es gibt keinen Gott, also bist du selbst ein Gott. Allenthalben begegnet uns dieser Wunsch, doch selbst der Größte, der Beste, der Stärkste zu sein. Im harmloseren Fall handelt es sich dabei um die Stars auf dem grünen Rasen oder auf der Bühne großer Konzerte. Niemand bezweifelt, dass sie Anerkennung verdienen für ihre Fähigkeiten.

 

Fragwürdig wird es, wenn damit dieses Gefühl von Grandiosität für den Star verbunden ist. Und wenn all die Fans ihre Wünsche und Sehnsüchte projizieren auf diejenigen, die das sind, was man gern wäre, was man aber niemals erreichen wird. Ja, und dann ist da natürlich die Versuchung zu Allmachtsgefühlen bei den  Führenden  in  Politik  und  Wirtschaft. Es erübrigt sich, Beispiele dafür zu nennen. Und im Bereich von Wissenschaft und Technik?

 

Gerade hier macht (oder machte) sich doch das Gefühl breit, alles erkennen und verstehen zu können und damit alles in den Griff zu bekommen, ja, alles zu beherrschen. In diesem Bereich zeigen sich derzeit am ehesten die Grenzen menschlicher Machtfülle. Wissenschaft und Technik haben Großes geleistet, um unser Leben zu erleichtern. Aber die unreflektierte, unkritische Anwendung all dessen, was möglich geworden ist, kann in neue Krisen führen. Eine gefährliche Erwärmung der Erde durch den menschengemachten Treibhauseffekt ist schon im vollen Gange. Und dann kam dieses winzige Etwas, ein Virus, das uns nur allzu deutlich zeigt: Nein, wir haben längst nicht alles im Griff.

 

All-Macht und All-Liebe

 

Es ist also durchaus etwas mehr Demut angesagt. Für den modernen Menschen ist das eine mächtige Herausforderung, beinahe eine Kränkung und Beleidigung seines Selbstwertgefühls. Und dennoch führt kein Weg daran vorbei. Wir sind nicht die uneingeschränkten Herren der Welt und wir müssen wieder lernen, Grenzen zu akzeptieren. Wenn wir nun sagen: Es ist eben doch allein Gott, dem alle Macht und alle Herrschaft zukommen, dann greift auch das zu kurz. Denn von Gottes Größe und Stärke können wir nicht reden, ohne im selben Atemzug zu sagen: Gott ist nicht nur der All-Mächtige, er ist auch der All-Liebende. Liebe und Macht stehen in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis zueinander. Sie scheinen einander auszuschließen.

 

Wer willkürlich Macht ausübt, der nimmt keine Rücksicht auf persönliche Beziehungen und auf Gefühle, die ihn mit anderen Menschen verbinden. Wo käme denn der Unternehmer hin, wenn er sich bei anstehenden Entlassungen von einer etwaigen Liebe zu seinen Mitarbeitern leiten ließe? Hier gilt es doch, keine Schwäche zu zeigen! Und Liebe ist Schwäche! Nicht zufällig gibt es in der deutschen Sprache eine Redewendung, die genau das auf den Punkt bringt. Wenn  uns  ein  Mensch gut gefällt, wenn wir ihn oder sie liebgewinnen,  dann  sagen  wir: Ich habe eine Schwäche für diesen oder für jene. Wenn Gott der All-Liebende ist, hat er dann womöglich eine Schwäche für uns Menschen?

 

Gott hat eine Schwäche für uns

 

Ja, die hat er!

 

Und an Weihnachten feiern wir genau dieses Geheimnis. Der unendlich starke Gott macht sich ganz schwach und kommt als hilfloses Kind mitten in diese Welt. In seiner grenzenlosen Liebe wollte er eben ganz bei uns sein, nicht daran festhalten, der fremde, unnahbar scheinende Gott zu sein. Er verlässt sich ganz auf uns Menschen, so wie eine Liebende sich eben auf ihren Geliebten verlässt. Nur wenn man sich auf den anderen verlässt, kann man einander ganz nahe sein. In dieser Weise wollte Gott uns ganz nahe sein.

 

Er wurde selbst Mensch, einer von uns, mitten unter uns. Und das mit aller Konsequenz. Nicht im Palast des Kaisers von Rom kam er in diese Welt, sondern in einem schmutzigen Stall in einem Land eher am Rand der damaligen Zivilisation. Alle Grenzen des menschlichen Daseins nahm er auf sich, bis hin zum Tod, ja zu einem furchtbaren, schändlichen Tod am Kreuz. Wirklich alle Grenzen? Eine nicht. Seine Liebe

zu den Menschen blieb göttlich grenzenlos. Durch sie kommt etwas Himmlisches zu uns auf die Erde herunter. Und das soll diese Erde allmählich wandeln, hin zu mehr Menschlichkeit  und  damit  auch  zu

Gott hin. Aber, wenn er so viel Schwäche zeigt, wie steht es dann mit Gottes Macht und Stärke? Wenn er irgendeine Relevanz für diese Welt haben und behalten soll, dann muss er doch trotz allem eine große Autorität besitzen. Es führt weiter, wenn wir das einmal aus folgender Perspektive betrachten: Nur ein sehr, sehr Starker kann es wagen, soviel Liebe, soviel Schwäche zu zeigen. Der ewige Gegensatz zwischen Macht und Liebe – in der Vollkommenheit Gottes ist er aufgehoben. Aus Macht wird Liebe, und die Liebe soll die Macht auch über diese Welt gewinnen.

 

Wirklich Mensch werden

 

Wenn Gott aus seiner Stärke heraus eben diesen Weg gegangen ist und schwacher Mensch geworden ist, dann bahnt uns dies den Weg zu mehr Menschlichkeit. Wir machen uns so oft Sorgen darum, ob wir etwas gelten, ob wir Anerkennung finden und Ansehen genießen. Bloß keine Schwäche zeigen! Denn das könnten andere ja schamlos ausnutzen. Da aber Gott uns von Anfang an so viel an   Liebe    und   Wertschätzung   ge schenkt hat, bräuchten wir uns um all diese Dinge keine Sorgen zu machen. Durch diese Zuwendung Gottes ist jede einzelne und jeder einzelne von uns groß und stark. So stark, dass auch wir es uns leisten können, Schwäche zu zeigen, eben eine Schwäche zu haben für unsere Mitmenschen. Genau darin machen wir  es  dann  wie  Gott:  wir  werden

wirklich Mensch.

 

Wenn wir in diesem Jahr Weihnachten feiern, dann ist das ein guter Anlass, auf diesem Weg der Mensch-Werdung weiter voranzu-schreiten. Das geschieht eben gerade in der Hinwendung zu Schwächeren, zu Menschen, die nicht so sehr auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Vielleicht bewahrheitet sich dann das (wenn auch nicht unbedingt im beabsichtigen Sinn), was sich die Werbetexter einer Supermarktkette haben einfallen lassen. Da war nämlich gleich an der Eingangstür zu lesen: „Feiern Sie dieses Jahr Weihnachten, als wäre es zum ersten Mal.“

 

Norbert Klinger

 

 

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